Menschenfressende Tiger

Aufgrund der jüngsten Vorfälle von angeblich menschenfressenden Tigern in der Kalhalla-Gebirgskette im Nagarahole Nationalpark, ist es eine lohnenswerte Aufgabe, der Geschichte der menschenfressenden Tiger auf den Grund zu gehen, um ein korrektes Verständnis für dieses Phänomen zu bekommen.
Während der prähistorischen Zeit, als der Mensch noch sehr verwundbar und nicht in der Lage war, sich gegen Raubtiere zu verteidigen, sah der Tiger den Menschen als natürliche Beute an und jagte ihn wie heute seine Beutetiere. Der Mensch war für den Tiger zu dieser Zeit eine gute und einfach zu bekommene Nahrungsquelle, da der Mensch noch keine effiziente Abwehrtechnik gegen die Raubtiere entwickelt hatte.

Im Laufe der Zeit entdeckte der Mensch den Einsatz von Werkzeugen, Landwirtschaft und Kontrolle über das Feuer, was wiederum dazu führte, dass sich ein sesshafter und gesellschaftlicher Lebensstil entwickelte. Dies führte zu einer kooperativen Lebensführung mit dem wichtigen Vorteil, dass zusammen gejagt wurde und die Menschen dadurch besser in der Lage waren sich zu verteidigen. Diese Entwicklung führte dazu, dass der Tiger Respekt vor dem Menschen bekam, auch wenn er den Menschen weiterhin als Beute ansah. Marco Polo erwähnte in seinen Aufzeichnungen, dass in China Tiger als Menschenfresser gefürchtet waren.

Die nächste große Veränderung in der Beziehung zwischen Menschen und Tigern trat mit dem Aufkommen von Feuerwaffen und Schießpulver auf. Mit diesem Vorteil wurde der Mensch nun Angreifer und begann die intensive Jagd auf den Tiger. Zu diesem Zeitpunkt begann der Tiger den Menschen zu meiden und sah ihn nicht mehr als seine natürliche Beute an. Trotzdem tötete er, wann immer er die Gelegenheit dazu bekam, weiterhin Nutztiere. Dies wurde in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten mehr oder weniger zur Regel.
Diese Veränderung trat schrittweise auf und breitete sich ungleichmäßig über die Einzugsbereiche der Tiger aus. Jeder dieser drei Beziehungsphasen war, im gleichen Zeitraum gemessen und abhängig von der Entfernung und Entwicklung der menschlichen Siedlungen, relevant für dieses Ergebnis. In dieser Zeit breitete sich die Bevölkerung sehr rasch aus und der Mensch drang mehr und mehr in die natürlichen Lebensbereiche des Tigers ein. Dies führte zu Konflikten.
Im 19. und 20. Jahrhundert gab es viele Berichte über menschenfressende Tiger aus Russland, Süd-China, Singapore und aus Teilen Indiens. In bestimmten Fällen wurden ganze Landstriche unbewohnbar gemacht und in der Mandschurei wurden sogar wöchentliche Märkte geschlossen.
Menschenfressende Tiger waren kein großes Problem in Indochina, Malaysia, Indonesien und Süd-Indien. Es scheint allerdings keine zufrieden stellende, ökologische Erklärung dafür zu geben.

In Indien kam das Tiger-Problem aus Bengal, der Mittel-Provinz, an den Ausläufern des Himalajas.
Jim Corbett’s Buch vermittelt ein lebendiges Bild des menschenfressenden Tigers an den Ausläufern des Himalajas. Die Gründe, die Jim Corbett hinsichtlich der menschenfressenden Tiger angibt, sind die stressvollen Umstände, in denen der Tiger leben musste. Weitere Gründe waren, dass Tiger entweder verwundet und dadurch nicht kräftig genug waren, Beute zu jagen oder das sie zu alt und somit nicht mehr in der Lage waren zu jagen. Jim Corbett gibt ebenso an, dass einige der Opfer in Unfälle verwickelt waren. Das erste Opfer wurde normalerweise kaum gefressen und wurde in einer gebückten Haltung, z.B. beim Gras schneiden, getötet. Durch diese Körperhaltung konnte der Tiger den Menschen, der eine charakteristische aufrechte Körperhaltung hat, nicht direkt als Mensch erkennen. Auch bezeichnet er die Häufigkeit und Verfügbarkeit an natürlichen Beutetieren als Schlüsselfaktor für das Töten. Dies führt zu der Annahme, dass der Tiger nur mit dem Mensch als Nahrung nicht überleben konnte, aber die Zahl der verfügbaren, natürlichen Beutetiere drastisch abnahm.

In der jüngsten Vergangenheit kam es im Dudhwa Nationalpark zu einer erhöhten Zahl von
Tigerübergriffen auf Menschen. Es begann im Jahr 1978 und dauerte etwa zehn Jahre. Dabei kamen fast zweihundert Menschen ums Leben. Die Gründe hierfür waren viele und vielfältige. Der wichtigste Grund war die immense Baumrodung an der Grenze zu Nepal. Dies führte zu einer Migration der Tiger aus den betroffenen Gebieten in die Dudhwa Region. Hier stieg nun die Zahl der Tiger plötzlich und unnatürlich hoch an. Das Eindringen von Baumfällern und Brennholzsammlern in diese Region, nachdem ein Sturm genau in dieser Zeit viele Bäume zerstört hatte, brachte eine große Schnittstelle zwischen Mensch und Tiger hervor.
Die Knappheit der natürlichen Beutetiere spielte ebenso eine ausschlaggebende Rolle. Mit der Migration der Tiger, wurden ältere und schwächere Tiere an den Rand der Region gedrängt. Außerdem hatten Farmer entlang der Grenzgebiete Zuckerrohr in großem Ausmaß angebaut und als sich die Tiger in die Zuckerrohrfelder begaben, entstand ein anderer Konfliktbereich zwischen Tiger und Mensch. Menschfressende Tiger kommen auch jetzt noch in den Sunderbans von Bengalen und Bangladesch vor. In den Sunderban sieht ein erheblicher Teil der Tigerpopulation den Menschen immer noch als Nahrungsquelle an, so dass dies hier kein irrtümliches Verhalten vorliegen kann. In den Sunderban hat sich eher die Situation durchgesetzt, die noch aus der prähistorischen Zeit stammt, sprich: die natürliche Beziehung zwischen Tiger und Mensch. Wegen des unwirtlichen Geländes konnte die menschliche Entwicklung hier nicht fortschreiten und auch Schiesspulver und Schusswaffen schafften es nicht in diese Region vorzudringen. Ebenso ist die Anzahl von Pflanzenfressern aufgrund des unwirtlichen Geländes sehr gering. So betrachten die Tiger in den Sunderban weiterhin der Ansicht, den Menschen als Beute zu betrachten, wie in der prähistorischen Zeit.

Die Situation im Nagarahole Nationalpark ist ein wenig anders und stellt eine neue Herausforderung für die Erhaltung der Tiger dar. Der Nagarahole Nationalpark hat eine der höchsten Dichten an Beutetieren in ganz Asien. Dies, zusammen mit den ergriffenen Maßnahmen gegen die Wilderei, hat den Park zu einen der besten Lebensräumen für Tiger in der Welt gemacht. Der Nationalpark hat eine der höchsten Dichten an Tigern. Mit der Erhöhung der Tigerdichte werden die älteren und schwächeren Tiger an den Rand des Parks gedrängt, an deren Grenzen auch menschliche Behausungen zu finden sind. Ebenso gibt es eine beträchtliche Anzahl an Dörfern innerhalb des Nationalparks.

Es ist offensichtlich, dass der Tiger seine natürliche Ernährung mit dem Menschen ergänzt, wenn er die Chance dazu bekommt. Der einzige Weg zur Lösung des Problems ist es, einzelne Tiger-Unruhestifter in andere Gebiete zu bringen und die menschlichen Behausungen innerhalb des Parks umzusiedeln. Die Frage die sich stellt ist, ob wir bereit sind, die erforderlichen Schritte zur Umsiedlung der Menschen und der damit entstehenden Reduzierung an Störungen zu vollziehen, denn es ist offensichtlich, dass der Tiger und der Mensch nicht in ein- und demselben Lebensraum leben können.